Die Dohle Beo

Erzählung nach einer wahren Begebenheit...

Beo auf meinem Kopf
"Weil ich einen Vogel habe..."

Es war an einem Pfingst-Sonntag vor langer Zeit. Ich war damals 12 Jahre alt und meine Firmung, wie das im römisch-katholischen Glauben so ist, stand kurz bevor.
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, wo es üblich war, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Mein Bruder und ich machten dies auch freiwillig und gerne. Es war eine schöne Gemeinschaft und nach der Kirche durften wir uns jeder einen Kaugummi aus einer der Automaten, die auf dem Weg zur Kirche standen, gegen 1 Schilling heraus holen, die wir am Heimweg regelmäßig aufsuchten.

Nur an diesem besagten Pfingst-Sonntag wollte ich nicht sehr gerne zur Kirche gehen. Manchmal hat man wohl so eine Vorahnung in sich?
Ich war an diesem Tag auch noch zu früh dran und spazierte deshalb in den kleinen Park, nahe der Pfarrkirche und des Kindergartens in Hall. Plötzlich sah ich viele schwarze Vögel über mir, die laut rufend umher flogen. Ihrem Ruf zu urteilen, waren es Dohlen und da wurde mir auch gleich klar, weshalb diese Tiere so aufgeregt waren. Vor mir hüpfte ein schwacher, schmutziger Vogel auf dem Boden hilflos umher und eine Seite seines Kopfes war blutverschmiert. Ich überlegte nicht lange und hob das arme Tier vom Boden hoch. Die Vögel über mir attackierten mich glücklicherweise nicht. Ich besah mir den Vogel genauer und nahm ihn dann kurzerhand mit, denn so konnte er unmöglich überleben. Meine Sonntags-Kleidung war mir dabei egal – ich war bis in meine Jugend-Zeit überhaupt nie wirklich besorgt, was saubere Kleidung betraf…
Unterwegs begegnete mir der Pfarrer, der gerade am Weg zur Messe war. Ich zeigte ihm diesen schwarzen Vogel und er sah sich das Tier an und bedauerte es sehr. Er streichelte ihm über den Kopf meinte aber, dass es wieder werden wird. Ich verabschiedete mich hoffnungsvoll und ging, den Vogel mit beiden Händen umfassend nach Hause. Dort suchte ich eine Kiste und setzte ihn hinein, danach machte ich einen Kamillentee. Ich habe von meiner Mama, einer diplomierten Krankenschwester recht früh gelernt, wie man mit Verletzungen usw. umgeht. Bald kam auch meine Mama von der Kirche nach Hause und wunderte sich sehr, wo ich war.
Den Vogel konnte ich ihr natürlich nicht verheimlichen und so reinigten wir zusammen den blutigen Vogel-Kopf. Meine Mutter war schon lange daran gewohnt, dass ich immer wieder mal Tiere nach Hause brachte und so war sie auch nicht sonderlich überrascht.
Als wir das meiste Blut vom Vogel abgewaschen hatten, kam ein strahlend blaues Auge zum Vorschein, das mich neugierig ansah. War ich da glücklich, dass er das Auge nicht verloren hatte! Ich nannte ihn ab sofort Beo, denn er erinnerte mich an diese Vogel-Art aus Asien.

Beo hatte seltsamerweise von Anfang an keine Angst vor mir.
Ich fütterte ihn u.a. mit Brot und Fleisch und er wollte ständig auf meiner Schulter oder meinem Kopf sitzen. Das ging natürlich nicht immer und so “bewohnte“  er darum die Fensterbank eines Küchenfensters, wo man den Vorhang zu ziehen konnte. Dort hatte er eine Wasser-Schüssel und einen Karton als Behausung. Am Vorhang konnte er hoch-klettern und seine Flügel stärken.
Der Vogel kam recht schnell auf die Beine und war eine Woche lang immer und überall dabei – stolz auf meiner Schulter oder auf meinem Kopf sitzend, wenn es etwas Neues in der Wohnung zu bestaunen gab. Als Beo nach dieser Woche wieder vollständig genesen war, musste ich mich leider, aber klarerweise von ihm trennen. Er musst doch wieder in Freiheit leben, sich einen Vogel-Partner suchen und in die Berge fliegen!
Schweren Herzens öffnete ich ihm dann das Fenster und wollte ihn frei lassen. Aber nein, er flog trotz langer Warte-Zeit nicht hinaus! Also nahm ich ihn und „schupfte“ ihn auf ein gegenüberliegendes Dach. Fliegen konnte er ja mittlerweile wieder gut. Er flog in den letzten beiden Tagen die er bei uns war in der Wohnung umher und brachte so einige Unordnung mit sich, immer auf der Suche nach mir.
Beo hielt sich noch einige Zeit vor unserem Fenster auf. Wir hatten die Fenster geschlossen und sahen ihm eine Weile zu. Irgendwann, als wir ihn nicht mehr beobachteten, flog er wohl auf und davon, denn er war verschwunden. Ein wenig Traurigkeit machte sich in mir breit. Doch auch die Freude darüber, dass wir ihn vielleicht retten konnten. Dennoch wussten wir nicht, ob er wirklich wieder Anschluss bei den anderen Dohlen finden würde.

Fünf Jahre vergingen, es zog ein sehr harter Winter mit enorm viel Schnee ins Land. Überall türmten sich die Schneehaufen und es war immer noch zu wenig Platz für diese weiße Pracht.
An einem Wintermorgen, wo es sehr kalt und dunkel war, sahen wir plötzlich auf einem entfernt liegenden Haus eine Gruppe von 4 oder 5 schwarzen Vögeln. Nach längerer Beobachtung stellte sich heraus – es waren Dohlen!
In mir stiegen die Erinnerungen an Beo hoch und mir taten die Vögel auf dem Hausdach leid, die ob der Wetterlage wohl nichts zu fressen finden.
Ich sprach mit meiner Mama und wir legten etwas Brot vor das Küchenfenster.
Siehe da – eine Dohle kam wirklich zu unserem Küchenfenster! Das war sehr ungewöhnlich für so einen frei lebenden Vogel. Wir konnten sogar bei dem Fenster stehen bleiben. Also legten wir mehr Futter auf die Fensterbank und laut unserer Beobachtung kam genau der gleiche Vogel mehrmals, um diese Brotstücke abzuholen, wieder zu den anderen zu fliegen und es zu verteilen.
Wir waren uns sicher – das ist Beo! Er musste es sein, denn es gab bisher noch keine andere Dohle, die sich an unser Fenster traute, obwohl wir sehr nahe zusahen.
Hatte sich dieser vorwitzige Vogel an uns erinnert und in der Not kam er wieder zu uns und auch noch gleich mit anderen Vögeln. Ich freute mich sehr. Natürlich war er nicht mehr der Vogel, der mich so aufdringlich verfolgte und bei mir auf der Schulter sitzen wollte. Aber das machte nichts. Er hatte eine Familie und es ging ihm die Jahre über wohl gut. Die schönste Belohnung war einfach, dass er überlebte und uns nicht vergessen hatte.
Die Dohlen-Familie blieb noch einige Tage, bis sich die Schneelage besserte und flog wieder davon.

 

Das ist ein ganz besonderes Erlebnis vieler Erlebnisse, die ich mit Tieren habe durfte. Man kann so viel von ihnen lernen und sie machen uns viel Freude.
Auch mit den oft zu unrecht unbeliebten Tauben habe ich so manches erleben dürfen. Doch dazu ein anderes Mal mehr…

Ja, es ist einfach schön, wenn man so etwas wie mit Beo erleben darf. Nichts, das man tut ist umsonst und es kann noch so lange dauern, bis man bemerkt, was es gebracht hat. Vielleicht dauert es auch ein halbes oder ganzes Leben lang? Bei dem Vogel hat es lange gedauert, fast sein Leben lang und er kam trotzdem zurück.

 

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