Die Dohle Beo
Nach einer wahren Begebenheit.
Ich war 12 Jahre alt, stand kurz vor der Firmung und es war Pfingst-Sonntag.
An diesem Tag wollte ich nicht sehr gerne zur Kirche gehen. Ich war jedoch zu früh
dran und spazierte deshalb noch in den kleinen Park, nahe der Pfarrkirche in
Hall. Plötzlich sah ich viele schwarze Vögel über mir, die laut riefen. Ihrem
Ruf zu urteilen, waren es Dohlen. Und da wurde mir auch gleich klar, weshalb
diese Tiere so aufgeregt waren. Vor mir hüpfte ein schwacher, schmutziger Vogel auf dem Boden und eine
Seite seines Kopfes war blutverschmiert. Die Vögel über mir attackierten mich glücklicherweise nicht, als ich das arme Tier vom Boden auf hob und mit nahm. Meine Sonntags-Kleidung war mir da
egal. Unterwegs
begegnete mir der Pfarrer, der gerade zur Messe unterwegs war. Ich zeigte ihm diesen schwarzen Vogel und er sah sich das Tier an und bedauerte es - meinte aber, dass es wieder werden wird. Ich verabschiedete mich und ging, den Vogel mit beiden Händen umfassend nach Hause. Dort suchte ich eine Kiste und setzte ihn hinein. Danach machte ich
einen Kamillentee. Bald kam auch meine Mama von der Kirche nach Hause und wir
reinigten den blutigen Vogel-Kopf, wo ein strahlend blaues Auge zum Vorschein
kam, das mich neugierig ansah. Ich nannte ihn ab sofort Beo, denn er erinnerte mich an diese Vogel-Art aus Asien.
Beo hatte von Anfang an keine Angst vor mir. Ich fütterte ihn u.a. mit Brot und Fleisch und er wollte ständig auf meiner Schulter oder meinem Kopf sitzen. Das ging natürlich nicht ständig und so “bewohnte“ er darum die Fensterbank eines Küchenfensters, wo man den Vorhang zu ziehen konnte. Dort hatte er eine Wasser-Schüssel und einen Karton als Behausung. Am Vorhang konnte er hoch-klettern und seine Flügel stärken. Als Beo wieder genesen war, musste ich mich leider, aber klarerweise von ihm trennen. Ich öffnete das Fenster und wollte ihn frei lassen. Aber nein, er flog trotz längerer Warte-Zeit nicht hinaus! Also nahm ich ihn und "schupfte" ihn auf ein gegenüberliegendes Dach. Fliegen konnte er ja mittlerweile wieder gut. Beo hielt sich noch eine Weile vor unserem Fenster auf und war irgendwann verschwunden. Ein wenig Traurigkeit machte sich in mir breit. Doch auch die Freude darüber, dass wir ihn vielleicht retten konnten.
Nach fast 5 Jahren, an einem Wintermorgen, wo es enorm viel Schnee hatte,
sahen wir plötzlich auf einem entfernt liegenden Haus eine Gruppe von 4
schwarzen Vögeln. Es waren Dohlen! Ein Tier kam zu unserem Küchenfenster, was
sehr ungewöhnlich war. Wir legten darum Futter auf die Fensterbank. Diese Brotstücke wurden dann von nur einer
Dohle abgeholte und diese nahm es zu den anderen mit. Das war Beo! Er mußte es sein! Hatte
sich dieser vorwitzige Vogel an uns erinnert und in der Not kam er wieder zu uns. Ich freute mich sehr. Natürlich war er nicht mehr der Vogel, der bei mir auf der
Schulter sitzen wollte. Aber das machte nichts. Er hatte eine Familie und es
ging ihm die Jahre über wohl gut. Die schönste Belohnung war einfach, dass er überlebte
und uns nicht vergessen hatte.
Die Dohlen-Familie blieb noch einige Tage, bis sich die Schneelage besserte und flog wieder davon.
Das ist eines vieler Erlebnisse, die ich mit Tieren habe durfte. Man kann einiges von ihnen lernen und sie machen uns sehr viel Freude. Auch mit Tauben habe ich so manches erlebt. Doch dazu ein anderes mal mehr...





